Man nahm dir deinen Namen fort

Die Shoah – die Vernichtung der europäischen Juden in der Zeit des Nationalsozialismus – ist das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte: Über sechs Millionen Menschen wurden enteignet, verschleppt, in Konzentrationslagern unter menschenunwürdigen Bedingungen zur Zwangsarbeit verpflichtet und systematisch ermordet.

Anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung der Konzentrationslager hält das Europagymnasium Kerpen die Erinnerung an dieses Menschheitsverbrechen wach: Unter dem Titel »Man nahm dir deinen Namen fort« haben SchülerInnen eine Online-Präsentation erstellt und dabei Resultate aus Unterrichtsprojekten der Fächer Kunst, Literatur und Musik miteinander verbunden:

In Gedichten, Hörspielszenen, Musik, Fotografien und Videos wird dabei einigen Verfolgten stellvertretend für die unzähligen Opfer nationalsozialistischer Gewalt Name, Gesicht und Stimme gegeben, um so ihre Erfahrungen, ihr Erleben und ihr Leiden dem Vergessen zu entreißen und zugleich in den geschichtlichen Zusammenhang der Jahre zwischen 1933 und 1945 zu stellen. Dabei werden unter anderem Texte und Musik von Halina Birenbaum, Arthur Miller, Maurice Ravel, Nelly Sachs, Coco Schumann und Ilse Weber verarbeitet.

In der Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Gewalt und in Sorge über antisemitische und rassistische Tendenzen unserer Gegenwart möchte das Europagymnasium Kerpen, das durch eine Städte- und Schulpartnerschaft eng mit der polnischen Stadt Oświęcim (Auschwitz) verbunden ist, ein Zeichen gegen Hetze und Intoleranz setzen.

 

Zur Entstehung der Online-Präsentation

Der Gedanke, 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung der Konzentrationslager der Erinnerung an die Shoa in schulischen Projekten besondere Aufmerksamkeit zu widmen, fand im Kollegium des Europagymnasiums rasch großen Widerhall. Seit dem Herbst 2019 erarbeiteten zahlreiche Lehrkräfte im Rahmen des Geschichts-, Kunst-, Literatur- und Musikunterrichts mit ihren SchülerInnen dieses Themenfeld aus vielfältigen Perspektiven: So bereitete der Grundkurs Geschichte von Markus Potes eine Ausstellung vor, die anhand des Schicksals des Kerpeners Fred Roer und seiner Familie den Weg der europäischen Juden nach Auschwitz anschaulich nachzeichnete; die Big Band (Leitung: Johanna Gesell) plante eine Fahrt nach Oświęcim mit einem Auftritt anlässlich einer Gedenkveranstaltung im Konzentrationslager Auschwitz; und der Leistungskurs Kunst von Mike Lankes realisierte unter dem Titel Augen der Vergangenheit: Wir werden euch nicht vergessen ein beeindruckendes Installationsprojekt im öffentlichen Raum (www.augendervergangenheit.de).

Nicht zuletzt sollten die Arbeitsergebnisse der Kunst-, Literatur- und Musikkurse unter dem Motto »Man nahm dir deinen Namen fort« im Rahmen eines Themenabends gegen das Vergessen präsentiert werden. Allerdings musste diese für den März 2020 geplante Veranstaltung aufgrund der Corona-Pandemie kurzfristig abgesagt werden. Für alle Beteiligten war es ein Schock, dass die intensive Arbeit mehrerer Monate zu einem Themenfeld von auch heute noch erschreckender Aktualität nun vergeblich gewesen sein sollte. Schon bald zeichnete sich außerdem ab, dass der unabsehbare Verlauf der Pandemie es unmöglich machen würde, die Veranstaltung zu einem späteren Zeitpunkt zu wiederholen – einerseits aufgrund der weiterhin drastischen Beschränkungen für musikalisches und szenisches Arbeiten unter den aktuell notwendigen Hygieneregeln und andererseits, weil viele Klassen und Kurse im neuen Schuljahr nicht mehr in den alten Konstellationen weiterbestehen und die Abiturientinnen und Abiturienten die Schule inzwischen verlassen haben würden.

Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, die teils in fächer- und stufenübergreifender Kooperation entstandenen Arbeitsergebnisse des Leistungskurses Kunst (Judith Schrötter-Scheufens), des Grundkurses Literatur (Regina Fritz) sowie des Grundkurses Musik (Ralph Paland) wenigstens teilweise im Rahmen einer Online-Präsentation zu veröffentlichen. Dieses Vorhaben freilich war für alle Beteiligten mit teils erheblichem weiterem Arbeitsaufwand verbunden: Viele Beiträge, die ursprünglich für eine Bühnenaufführung konzipiert worden waren, mussten nun in andere mediale Formate transformiert werden; so wurden Theaterszenen, Gedichtrezitationen, Musikbeiträge und Fotopräsentationen zu Hörspielen oder Filmen umgearbeitet. Einige Akteure, die wichtige musikalische Funktionen innegehabt hatten, waren nach dem Abitur nicht mehr greifbar. Und da im schulischen Rahmen an gemeinsames Theaterspielen oder Musizieren sowieso nicht mehr zu denken war, mussten die einzelnen Rollen oder Instrumentalparts von den Schülerinnen und Schülern zuhause mit den jeweils vorhandenen technischen Mitteln aufgenommen und dann nachträglich aufwändig zusammengeschnitten sowie abgemischt werden – und dies alles in einer Zeit, die für alle Beteiligten durch die Tücken des Distanzunterrichts sowie durch verschobene oder nachzuholende Klausuren und Prüfungen sowieso schon vielfältige Zusatzbelastungen, Unsicherheiten und Sorgen mit sich brachte.

Manche Beiträge ließen sich unter diesen Umständen nicht sinnvoll in Medienprodukte verwandeln, andere mussten zunächst weitgehend umgestaltet werden. Nicht alle ursprünglich Beteiligten blieben bei der Stange, aber dank des Einfallsreichtums und Durchhaltevermögens vieler anderer konnte immer wieder Erstaunliches realisiert werden: So arbeiteten sich die Schülerinnen und Schüler in kürzester Zeit und mit viel Energie in die Feinheiten von Audio- und Videobearbeitungsprogrammen ein; eine ehemalige Schülerin nahm ihre Solo-Gesangsparts mit dem Smartphone in einem Berliner Hotelzimmer auf; und für die Szenenmusiken im Hörspiel Spiel um Zeit wurde gar ein virtuelles Orchester zusammengestellt, in dem dank des Engagements der Musikreferendarin Anna Nicinski einige Instrumentalparts, die aufgrund inzwischen entlassener Schülerinnen und Schüler vakant waren, mit hilfsbereiten Osnabrücker Kommilitoninnen und Kommilitonen besetzt wurden. Die Unermüdlichkeit und Ernsthaftigkeit, mit der hier so viele Menschen, die einander teils nie begegnet sind, an unterschiedlichen Orten mit Herzblut für eine Sache gearbeitet haben, die ihnen persönlich wichtig war, gehört zu den beglückendsten Erfahrungen dieses Projektes.

Ralph Paland