KO 2019 05 19

Wisst ihr, wie es sich anfühlt in seiner Kindheit adipös zu sein? Ein wenig Übergewicht ist ja nicht schlimm, aber was ich in meiner Jugend an Körper-Masse hatte, war einfach zu viel. Ich war gerade mal 14 Jahre alt, 1,66 Meter groß, und wog schon 96 Kilo. Es war nicht einfach für mich, damit zu leben, da ich vor allem von meinen Mitschülern wegen meiner Fettleibigkeit aufgezogen wurde.

Also entschied ich mich, Sport zu machen, natürlich fehlte mir vorerst die Kondition, aber nach einer Weile wurde ich immer ausdauernder. Zudem begann ich, mich, für Kampfsport und vor allem Boxen zu interessieren. Also ging ich nach zwei Monaten Fitnessstudio zum Probetraining des Boxvereines in unsere Kleinstadt. Als ich das erste Mal dort war, wog ich immerhin nur noch 81 Kilo, jedoch war ich immer noch der Dickste im Verein. Mit der Zeit nahmen meine Fettreserven immer weiter ab und ich legte mir viel Muskelmasse zu. Als ich dann mit 16 zu meinem erstem großen Turnier eingeladen wurde, war ich sehr stolz darauf, dass ich endlich die Chance bekam mich zu beweisen. Ich musste jedoch in der Runde der letzten acht Kämpfer aufgeben, da ich im Ring umgeknickt war und ich mir dadurch einen Bänderriss zuzog. Ich fiel für drei Monate aus und durfte selbst nach diesen 3 Monaten meinen rechten Knöchel nicht zu stark belasten, da immer noch ein Restrisiko bestand. Also begann ich nach vier Monaten wieder mit dem Training. Aber durch diese lange Pause kam ich im Training nicht mehr mit und wurde kurzfristig aus dem Verein geworfen, da die Plätze im Verein begrenzt waren und es potentielle Interessenten gab.

Ich wollte aber weiterhin boxen und suchte mir einen neuen Verein. Jedoch war die nächste Möglichkeit zu boxen, eine Stunde Autofahrt entfernt und die Vereinskosten waren auch nicht gerade niedrig. Aber da ich unbedingt boxen wollte, entschied ich mich dazu, einen Rollerführerschein zu machen und einen Nebenjob als Babysitter anzunehmen. Nach einem halben Jahr und einer Menge schreiender Kinder, hatte ich meinen Rollerführerschein und genug Geld um die Vereinskosten zu stemmen. Also begann ich nach einiger Zeit endlich wieder mit dem Boxen und ich war so motiviert, wie noch nie zuvor. Bereits nach sieben Monaten Training wurde ich zu einem Kampf eingeladen, jedoch musste ich gegen den 228.-Platzierten der deutschen Jugend kämpfen. Nur so nebenbei: ich stand nach meinem Turnier von vor 15 Monaten auf Platz 879 der deutschen Jugend. Zudem musste ich gegen den Kämpfer antreten, gegen den ich mir vor 15 Monaten den Bänderriss zugezogen hatte. Mein Trainer sah, dass Welten zwischen mir und meinem Kontrahenten lagen, aber er machte mir Hoffnung, dass ich sogar eine Chance gegen ihn haben könnte, wenn ich hart an meiner Geschwindigkeit, Ausdauer und an meinen Reflexen arbeiten würde. Also begann ich nun viermal die Woche zu trainieren, was eine riesige Umstellung für mich war. Ich musste deswegen mit meinem Latein-Nachhilfeunterricht aufhören, damit ich noch genug Zeit für andere Sachen hatte. Nach drei Wochen Training war bereits der Kampf gegen Billy Schmid. Als wir dann am Abend des Kampfes in der Kabine, die uns zugeteilt wurde, die letzten Taktiken besprachen, wurde ich mehr und mehr nervös und mich überkam ein mulmiges Gefühl. Als dann der Referee in die Kabine kam um die Regeln zu erklären, wusste ich dass der Kampf bald starten wird.

 K.O. 2019 05 19 Boxhandschuh 2019 05 19

Und dann ging es los, ich streifte mir meinen Hoodie über, zog die Kapuze tief ins Gesicht und betrat zusammen mit meinem Trainer die Sporthalle unserer Nachbarschule. Als ich und mein Kontrahent im Ring standen, zeigten wir unseren gegenseitigen Respekt voreinander und gingen in unsere Ecken. Der Ref ließ die Glocke läuten und ich schritt in Richtung Mitte des Ringes. Billy stand mir gegenüber und wir fingen an uns abzutasten, bis er das erste Mal zuschlug. Er traf mich an der Schläfe und ich sah kurz schwarz, aber dann war ich fokussiert und ging wieder in Kampfstellung. Billy holte ein weiteres Mal zum Schlag in Richtung meines Kopfes aus, er schlug und verfehlte. Ich duckte mich im richtigen Moment weg und konnte einige Schläge gegen seinen Körper setzen, bis mein Gegner sich absetzte. Wir beide nahmen erneut die Fäuste vors Gesicht und näherten uns langsam. Während Billy erneut einen Schlag in Richtung Kopf setzen wollte, reagierte ich blitzschnell und ihn traf eine rechte grade direkt ins Gesicht. Er taumelte aber fing sich wieder. Er wirkte jetzt aggressiv und es schien als wolle er mich unbedingt K.O. schlagen. Er wurde unachtsam und seine Faust flog ins Leere, ich schlug ihm mit meiner Linken in die Magengrube, während meine rechte Faust sich seinem Kopf näherte. Sie traf und er küsste den Boden. Würde er jetzt wirklich K.O. gehen? „……9 …10 ... Knockout!“

Nach dem ich zügig in die Kabine zurückgekehrt war, wurde mir bewusst, dass ich gerade eine unglaubliche Leistung vollbracht hatte. Ich hatte jemanden, der rund 600 Plätze vor mir steht, in der ersten Runde K.O. geschlagen. Ich machte mir weiterhin Gedanken, und als mein Trainer in die Kabine kam, bemerkte ich ihn erst gar nicht. Erst als er mich ansprach, wurde mir bewusst, dass er überhaupt anwesend war. Er sagte zu mir: „Max, ich bin wirklich stolz auf dich!“ Ich fühlte mich sehr geehrt. Aber er wollte mir noch etwas Wichtiges mitteilen: „Max, ein Scout hat deine Performance bei dem Kampf gesehen, er hat mich gerade eben angesprochen und möchte gerne mit dir reden.“ Ich konnte es nicht fassen, ein Scout wollte mich sehen, und vielleicht sogar unter Vertrag nehmen. Auch wenn das heißen sollte, dass ich meinen jetzigen Verein verlassen muss. Etwas aufgeregt machte ich mich mit meinen Trainer auf den Weg zum Scout. Er wollte draußen auf uns warten, jedoch sahen wir ihn nicht gleich. Er war möglichst neutral gekleidet und erst als er auf uns zukam, sah ich sein Box-Club-Dortmund Shirt. Er gab mir und meinem Trainer die Hand und stellte sich vor: „Hallo, ich bin Ralf Mueller, ich bin hier, um nach neuen Nachwuchstalenten für unseren Boxverein zu suchen. Und deine Performance heute war beeindruckend, wenn auch ausbaufähig. Aber ich sehe eindeutig das nötige Talent in dir, um ganz nach oben zu kommen. „Oh vielen Dank.“, antwortete ich, „Für welchen Club arbeiten sie denn? Ich wohne nämlich in einem ziemlichen Kaff und müsste gucken, ob ich da überhaupt hinkommen kann.“ Ralf antwortete: „Ich arbeite für die Boxakademie in Dortmund, und zum Thema mit dem Dahinkommen … wir bieten einen Fahrdienst an, der würde dich dann direkt nach der Schule abholen kommen, wenn das kein Problem ist.“ Er gab mir seine Visitenkarte und sagte: „Ich hoffe wir sehen uns nochmal wieder. Kontaktiere mich, wenn du es dir genau überlegt hast. Ich werde einen Vertrag ausarbeiten, den du dann bei Interesse unterzeichnen kannst. Wir freuen uns auf dich! Hast du noch irgendwelche Fragen, zum Training vielleicht?“ Ich antwortete ihm, dass ich keine weiteren Fragen habe und machte mich mit meinem Trainer auf den Weg zum Auto.

Montag: 18.7.

Nachdem ich der Boxakademie Dortmund mein Interesse zum Beitritt des Vereines mitgeteilt hatte, machte ich mich zusammen mit meinem Vater auf den Weg, um den Vertrag zu unterschreiben. Dort angekommen wurden wir von dem Abteilungsleiter freundlich begrüßt und auch Ralf Mueller war dort. Der Vertrag beinhaltete, dass ich fünfmal die Woche zum Training kommen muss, außer im Krankheitsfall. Des Weiteren war enthalten, dass aufgrund unserer finanziell schwierigen Lage der Verein uns bei Anfahrtskosten etc. unterstützt. Mein Vater und ich unterzeichneten den Vertrag mit Freude und auch der Abteilungsleiter war anscheinend sehr froh, dass ich unterzeichnet hatte. Und mir wurde die Akademie näher gezeigt. Ich sah von den voll ausgestatteten Trainingshallen bis zu den High-End Krafträumen so ziemlich alles, was die Akademie zu bieten hat. Sogar die Duschen schienen ganz okay zu sein.

Am nächsten Tag stand dann mein erstes Training an. Ich wurde pünktlich von der Schule abgeholt und wurde dann, in der Halle angekommen, von allen herzlich begrüßt. Mir wurde der Trainingsplan erläutert und ich bekam einen Sparringpartner zugewiesen. Zum Aufwärmen sprangen wir Seil und dehnten uns. Zudem machten wir Übungen im Kraftraum, wo wir uns gegenseitig korrigieren sollten. Mark, mein mir zugewiesener Partner, der mir alles erklären sollte, trainierte bereits seit 1 ½ Jahren hier und war ein Jahr älter als ich. Danach ging es endlich in den Ring. Jedes Team hatte drei Minuten, um sich im Ring einen kurzen Kampf zu liefern. Nachdem Mark und ich aus dem Ring gestiegen waren, kam er zu mir und sagte, dass meine Schläge sehr gut ausgeführt seien. Jedoch meinte er, dass meine Linke zu schwach wäre, was sich beim restlichen Training auch bestätigte. Jedoch meinte mein Trainer Viktor Bratislav, dass sich das schnell verbessern ließe, wenn man ausschließlich die Linke trainiert. Der Trainingsplan sah vor, dass ich jeden Trainingstag in zwei Einheiten meine Linke trainieren sollte. Nach bereits zwei Wochen bekam ich von Mark ein positives Feedback, was die Kraft der Schläge mit links anging. Der Trainer änderte darauf hin meinen Trainingsplan, da ich, seit dem ich in der Akademie angenommen wurde, für die deutsche Jugendliga qualifiziert war und der erste Kampf schon angekündigt wurde. Ich hatte 21 Tage Zeit, mich auf den Kampf vor zu bereiten. Mein Trainingsplan sah folgendes vor:

Montags: Kondition
Dienstags: Geschwindigkeit
Donnerstags: Blocken
Freitags: Schlagen
Samstags: Reflexe

Und das drei Wochen lang, bis zum Sonntag, den Tag des Kampfes.

Sonntag

Mein Telefon vibrierte. Ich schaltete den Wecker aus und begab mich noch im Halbschlaf in Richtung Bad, während mein Vater meinen Namen mehrmals rief, um wirklich sicher zu gehen, dass ich wirklich aufgestanden war. Nach dem Duschen begab ich mich in die Küche, wo mein Frühstück schon auf mich wartete. Um halb zehn fuhren wir los. Als wir dann um viertel vor elf an einer kleinen Eventhalle in Köln ankamen, erwartete Viktor uns bereits. Er führte mich in die Kabine und bat mich, mich umzuziehen. Nachdem ich mich warm gemacht hatte, kam Viktor und warnte mich: „Die Gegner sind hier stärker als in den Kämpfen, die du vorher bestritten hast. Lass sie dich nicht zu häufig treffen. Du schaffst das!“ Nach diesen motivierenden Worten begaben wir uns auf den Weg in die Halle. Ich erinnere mich nur sehr schwach an das Ende des Kampfes. Das einzige was ich weiß ist, dass wir uns einen sehr spannenden Kampf lieferten, bis wir schließlich zeitgleich auf den Boden gefallen sind. Ich kann mich auch noch erinnern, wie der Schiedsrichter meinen Gegner auf Grund der vergebenen Punkte in den ersten beiden runden zum Sieger kürte.

Ich besuchte die Akademie insgesamt drei Jahre. In diesen drei Jahren bestritt ich mehrere Kämpfe und verlor von 28 nur drei Stück. Dennoch wunderte es mich sehr, dass zahlreiche deutsche und nicht-deutsche Mannschaften mich als junges Talent unter Vertrag nehmen wollten. Unter anderem auch ein sehr attraktives Angebot aus den Vereinigten Staaten, die mir eine große Zukunft versprachen, wenn ich meine Leistung weiter steigern würde. Der Verein versprach mir sogar eine Wohnung zu bezahlen. Jetzt musste ich das Angebot nur noch meinen Eltern unterbreiten, wo ich jedoch eine Schwierigkeit sah, da meine Mutter unbedingt wollte, dass ich einen „normalen“ Beruf ausübe. Jedoch konnte ich nach langer Überzeugungsarbeit meine Mutter überreden und schließlich durfte ich mich auf den Weg nach Amerika machen.

Fortsetzung folgt …

Niklas Grabowitz und Tilman Sprave (9.1)