Im nächsten Moment 2019 05 10

Mein Herz pochte wie verrückt an meine Brust, ich rang nach Luft … nein … nein … das musste ein Traum sein, es konnte nicht wahr sein.

Die Welt um mich drehte sich wie ein Karussell, nie endend immer weiter und weiter. Meine Hand umfasste panisch das Geländer, ich presste mich an die Wand und glitt langsam an ihr hinab auf den Boden. Tränen liefen meine Wangen hinunter, der Schmerz brannte und erstach mich. Ich versuchte einzuatmen, jedoch kam nichts in meiner Lunge an. Irgendjemand rief nach mir, doch es klang unendlich weit entfernt. Plötzlich packte mich jemand am Arm und zog mich hoch. „Alles wird gut“, sagte mir eine Frau im Arztkittel … nichts würde gut werden, gar nichts. Nie mehr würde es so sein, wie es war. Ich drückte sie von mir weg, ich wollte nicht berührt werden. Ich musste hier raus, an die frische Luft, durchatmen. Ich stürmte auf die Tür zu und stieß sie auf. Erleichtert atmete ich die kühle Nachmittagsluft ein. Hier draußen war es ruhig, kein Geruch von Desinfektionsmittel lag in der Luft, keine lauten Durchsagen dröhnten auf mich ein. Stille. Ich ließ mich auf eine leere Bank fallen und betrachtete meine Hose. Sie war noch durchlöcherter als sonst. Dies war dem Autounfall geschuldet, bei dem nur ich überlebt hatte. Meine Mutter, mein Vater, mein Bruder, alle tot und alles nur wegen eines betrunkenen Idioten, der sich und sein Auto nicht mehr unter Kontrolle hatte. Ich hatte nie viel von bestimmten Menschen gehalten, die so taten als würde ihnen alles gehören und als könnten sie über jegliche Lebewesen herrschen, ohne die Regeln des Miteinanders auch nur im Ansatz zu beachten. Willkür pur.

Nun war auch der letzte Funke Zuversicht in mir erloschen. Ich begann an der gesamten Menschheit zu verzweifeln. Mein Blick glitt über die Straße und blieb an einem Kind mit verheultem Gesicht hängen. „Bitte gebt mir etwas Geld, ich muss meine Mama anrufen und habe nicht genug Geld für das Münztelefon.“ sagte es mit schwacher Stimme. Das Paar, welches es angesprochen hatte, ging einfach weiter und ignorierte es. Es war verzweifelt, die Augen weit aufgerissen, um Hilfe bittend, doch niemand wollte dem Kind helfen. Sie taten alle so, als wäre es nicht da … und wieder. „Bitte gebt mir etwas Geld, ich muss meine Mama anrufen und habe nicht genug Geld für das Münztelefon.“ … keine Reaktion, als wäre es Luft.

Noch verzweifelter und stark schluchzend, ging das Kind nun, allen Mut zusammennehmend, auf einen älteren Mann zu, welcher aus einem Supermarkt hinaustrat. Es zupfte am Ärmel der Jacke des Mannes. „Können sie mir helfen? Ich brauche etwas Geld, um meine Mutter mit dem Münztelefon anzurufen.“ Es sah ihn mit flehendem Blick an, der Körper zuckte vor lauter Schluchzen. Doch der Mann schüttelte es ab, als wäre es lästiges Ungeziefer und stieß es von sich weg. Es kam ins Straucheln und viel auf den Boden. Niedergeschlagen und mutterseelenallein saß es da. Niemand wollte dem Kind helfen. Es zog die Beine fest an den Körper, legte die Arme und den Kopf auf sie und fing laut zu weinen an. Es war ein herzzerreißendes Weinen. Ich wünschte, ich könnte helfen, doch ich hatte selbst kein Geld bei mir.

Das Kind hatte schon längst die Hoffnung aufgegeben, als sich plötzlich etwas in einer dunklen Ecke regte. Ein alter Mann mit zerzausten Haaren, zerrissenen Kleidern und hervorstechenden Knochen ging auf das Kind zu. Er bückte sich zu dem Kind hinunter und hielt ihm seine knochige Hand entgegen. In ihr befand sich ein alter Pappbecher. Er nahm die Hand des Kindes und entleerte den gesamten Inhalt des Pappbechers in diese. Hinaus fielen ein paar Münzen. „Nimm du es, Kind, es ist alles, was ich habe. Ich hoffe es ist genug!“

Der arme alte Mann tat das, was alle anderen verweigerten. Er gab alles, was er hatte, um zu helfen.

Vielleicht gab es doch noch Hoffnung, ja vielleicht gab es die, für die Menschheit.

War da etwa doch noch ein Lichtblick am Ende des Tunnels?

Anonyme Autorin (9.3)