FantasyTom 2019 12 02

Tommy, ein schlanker Junge mit grünen Augen, liebte es zu lesen. Morgens, mittags, abends, beim Arzt, in der Schule, einfach immer. Am aller liebsten las er Fantasy.

Dass seine Klassenkameraden das seltsam fanden, war ihm egal. Er hatte ja Tim, seinen besten Freund. Immer, wenn Tommy eine totaaaal interessante Stelle gelesen hatte, ließ Tim die Erzählerei über sich ergehen. Tommy wusste, dass es Tim ziehmlich nervte, aber er schaute ja auch dessen Fußballspiele an. In der 7. Klasse, Tommy hatte zu der Zeit schulterlange, schwarzrot gefärbte Haare, kam ein neuer Junge in die Klasse. Ein großer Muskelberg mit kurzen, schwarzen Haaren. Dieser sorgte dafür, dass Tommy nicht mehr nur mit seltsamen Blicken bedacht wurde, sondern, dass Tommy nach Strich und Faden gemobbt wurde. Aber Tim blieb immer bei ihm, auch wenn dieser dadurch einiges einstecken musste. Armer, armer Tommy.

Eines Tages in der Pause versteckte er sich auf dem Klo. Er wartete kurz, aber als Tommy an die Tür kam, hörte er Stimmen. "Ich halte das nicht mehr aus!" Es war Tim. Warum mussten sich die anderen denn an Tim vergreifen. Er hatte doch nichts Falsches getan. "Keine Sorge, Alter. Nur noch bis zu den Sommerferien, dann hast du's geschafft." "Aber denk an die Abmachung. Für jedes Jahr mit dem kleinen Nerd gibt's 50 Mücken. Das sind dann ... ähm ... 350 Euro!" "Aber nur, wenn du bis zum Sommer aushältst." "Scheiße. Ich weiß nicht, ob ich's schaffe." Das konnte doch nicht sein! Tommy's bester, ältester und vor allem einziger Freund war nur wegen einer Wette mit ihm befreundet gewesen. Tommy rannte zurück in seine Kabine und schloss sich für den Rest des Tages dort ein. Er saß dort und weinte, bis er keine Tränen mehr hatte. Das konnte doch nicht Tim gewesen sein. Nein. Niemals. Er würde Tim drauf ansprechen, und Tim würde sagen, dass es jemand anderes war. Es war jemand anderes. Es war jemand anderes. Es war jemand anderes.

Tommy zog zitternd sein Handy aus der Tasche. Die Anrufe seiner Mutter ignorierte er. "Tim?", schrieb er. "Tommy? Es ist 23 Uhr." "Wo warst am Ende der zweiten Pause?" "Was?" "Wo warst du?" Keine Antwort. "Sind wir wirklich echte Freunde?" "Hast du's gehört?" "WAS!" "ENDLICH! Ich dachte schon, ich hätte dich ewig an der Backe. 50 Euro mehr oder weniger sind nicht so wild. Bye, du Freak." Tommy ließ das Handy fallen. Sein Hirn fiel aus und langsam machte Tommy sich auf den Weg nach Hause. In einer ruhigen Gasse blieb Tommy einfach stehen. Er wusste selbst nicht, wieso. Sachte legte sich eine dürre, lange, weiße Hand auf Tommys Schulter. "Armer Junge. Verraten. Verstoßen. Solche Dinge sind schlimm. Soll ich dir helfen, Tommy?" Ohne nachzudenken nickte Tommy. "Du hast eine wunderbare Fantasie, mein Junge. Da lässt sich einiges machen."

Tommy erwachte auf dem Asphalt. Er stand auf, und sah die Welt von gut einem halben Meter höher als sonst. Da fielen ihm seine Hände auf, an denen lange, rasiermesserscharfe Krallen hingen. Sein Mund fühlte sich seltsam an. Tommy hob seine Hände, und bemerkte, dass ihm die Lippen fehlten, wodurch seine spitzen Zähne frei lagen. Seine glutroten Augen leuchteten vor Freude auf, als sich die Rabenflügel, von denen er bis dahin nichts wusste, ausbreiteten und er sich in die Luft stieß. Er wollte sich noch mit einem Freund treffen.

Joey Dark