HeyAlter 2020 05 06 

Hi. Ich bin Lilo Swimmer. Ich lebe in Nari, das ist ein kleines Dorf. Ich bin ein Blitz. Ihr wisst nicht was ein Blitz ist? Ich erkläre es euch.

Wir Blitze sehen eigentlich aus wie ganz normale Menschen. Jedenfalls fast. Jeder Blitz hat eine besondere Kraft wie Feuer, Wasser, Natur oder Musik. Die Haarfarbe zeigt an, wie mächtig man ist. Gelb ist das niedrigste, danach kommt rot, dann grün, dann braun, dann pink, dann violett, dann dunkelblau und zum Schluss himmelblau. Es gibt jedoch eine Sache, mit der wir Blitze auf GAR KEINEN FALL in Berührung kommen dürfen, und das sind Ahornblätter. Sie schwächen uns und rauben uns sozusagen die Kräfte. Sie saugen unsere Kräfte auf. Es gibt jedoch eine Möglichkeit, unsere Energie und das bisschen von unserer Kraft wieder zu erlangen. Man muss die Ahornblätter in fünf Teile zerreißen und dann mit einem Streichholz verbrennen. Die Kräfte kehren dann zu dem zurück, der sie verloren hat. Die Kräfte werden einem also nicht weggenommen, sondern man kann sie für den Augenblick nicht benutzen, weil man geschwächt ist.

Bisher lief alles perfekt. Ich war die einzige bei uns im Dorf, die FÜNF Kräfte in sich trug! Feuer, Wasser, Wind, Erde und Musik. Und noch dazu war meine Haarfarbe Himmelbau! Das fand ich sehr cool. Doch dann passierte es. Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht warum, aber ich kam nach Hause und sagte: „Hey Alter, wir geht‘s?“. Und da war´s passiert. Mein Vater starrte mich an, meine Mutter erstarrte und mein Bruder guckte komisch. Irgendwie verdächtig! Meine Mutter fasste sich als erste und sagte: „Aber Lilo, was ist denn in dich gefahren?“ Mein Vater setzte dann noch einen drauf. „Jetzt reicht‘s! Sonst benimmst du dich ja schon schrecklich, aber das geht eindeutig zu weit!“

Ihr wisst es nicht? Bei uns, im Land der Blitze, hat Höflichkeit oberste Priorität und Sätze wie „Hey, Alter“ haben bei uns überhaupt nichts verloren. Das sag‘ ich jetzt so, aber eigentlich habe ich das noch nie verstanden. Ich meine, was ist so schlimm daran, mal „Hey, Alter“ zu sagen? Eigentlich nichts. Unser Land ist manchmal schon komisch, und außerdem ist es mir nur so `rausgerutscht! Meine Mutter glaubt sogar daran, dass wenn man unhöflich ist, dass das Pech bringt. Das glaube ich aber nicht, denn erstens ist meine Mutter abergläubisch und zweitens ist das ein uraltes Märchen, das totaler Quatsch ist. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass „Hey, Alter“ noch eine große Rolle in meinem Leben spielen würde. Und damit hatte ich recht.

Es passierte an einem Sonntag Abend. Die Sonne ging gerade unter und ich war auf dem Weg nach Hause. Da kam ich einem Mann entgegen. Er war kein Blitz. Er war ein Mensch. Meine erste Eingebung war, nach Hause zu laufen und Alarm zu schlagen. Doch dann fiel mir ein, dass das auffällig gewesen wäre und da man bei den Menschen ja immer grüßt, sagte ich: „Hey Alter!“ Doch das erwies sich als gewaltiger Fehler, denn als ich fünf Meter weiter gegangen war, stieß der Mann einen schrecklichen Schrei aus und stülpte mir einen Sack gefüllt mit Ahornblättern über den Kopf. Ich wollte meine Kräfte verwenden, doch der Ahorn saugte meine ganze Kraft auf und schwächte mich. Ich konnte überhaupt nichts tun. Ich glaube das war das erste mal in meinem Leben, dass ich richtig Angst bekam. Doch ich musste handeln. Denken-denken-denken. Lilo! Was hast Du in der Schule über solche Fälle gelernt? „Hey, was…“, da wurde mir ein Knebel in den Mund gesteckt.

Gefühlte fünf Stunden lag ich gefesselt in dem Sack. Als ich endlich herausgeholt wurde und mir der Knebel aus dem Mund genommen wurde, sagte ich: „Hey Alter, was soll das?“. Schon wieder war es mir `rausgerutscht! Verdammt! „Halt den Mund, sonst haben wir gleich ein Problem, Kleine“! „Hey Alter, brauchst dich ja …“. Weiter kam ich nicht, denn der Mann gab mir eine schallende Ohrfeige. Das hat vielleicht weh getan! „Schon gut.“ „Wehe, du sagst noch ein Wort!“ knurrte der Mann.

Ab sofort gab ich keinen Mucks mehr von mir. Ich wurde in ein Haus voller Ahornblätter geführt und in einen riesigen Haufen davon gesetzt. „Hör mal, Kleine, wir werden dir jetzt deine Energie mit Hilfe der Ahornblätter vollkommen aussaugen, also mach dich auf etwas gefasst!“ „Hey Alter, …“ „Wenn du noch einmal „Hey Alter“ sagst, werde ich dir persönlich den Kopf abreißen!“ “Schon gut.“

Das sah gar nicht gut aus. Ich musste mir ganz dringend etwas einfallen lassen. Sonst würde das hier der letzte Ort sein, den ich gesehen hätte. Mein Blick fiel auf eine kleine Luke, durch die ich mich durchquetschen könnte. Also wartete ich, bis der Mann hinaus gegangen war. Dann stand ich mühsam auf und wankte zum Fenster. Ich versuchte, an das Fenster zu kommen, aber ich war zu klein! Da kam der Mann plötzlich rein und ich sagte: „Hey Alter, …“ „Habe ich dir nicht gesagt, du sollst diese Worte nicht mehr aussprechen!“ donnerte der Mann. Und schon gab es die nächste schallende Ohrfeige. „Hey Alter, brauchst dich nicht so aufzuregen“, murmelte ich. „Wir transportieren dich morgen hier weg, also ruh‘ dich aus.“

Als der Mann wieder gegangen war, versuchte ich noch einmal, an das Fenster zu kommen, aber ich war einfach zu klein! Da kam mir eine Idee. Wieso war ich nicht gleich darauf gekommen?! Ich musste mich einfach vom Ahorn befreien. Dann konnte ich auch meine Kräfte wieder einsetzen, ich Dummkopf! Also machte ich mich daran, mich von Ahornblättern zu befreien. Als ich endlich fertig war und versuchte, mich mit Hilfe meiner Luftkräfte aus dem Fenster schweben zu lassen, das ich inzwischen geöffnet hatte, merkte ich, dass ich immer noch geschwächt war. „Hey Alter, was‘ los?“ Da fiel mir ein, dass ich meine Haare noch nicht von Ahorn befreit hatte. Ich brauchte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich meine Haare endlich von jedem einzelnen Ahornblatt befreit hatte. Dann konnte ich endlich meine Kräfte einsetzen und ich flog zum Fenster hinaus. Als ich einen halben Kilometer gelaufen war, erkannte ich die Gegend wieder. „Hey Alter, die Typen haben mich die ganze Zeit im Kreis gefahren, um mich zu verwirren!“ Da hörte ich Motorengebrumm. Die Typen waren hinter mir her. „Hey Alter, ihr könnt mich doch nicht einfach verfolgen!“, rief ich. Was redete ich denn da für einen Unsinn! Irgendetwas war faul an der Sache. Doch zu lange überlegt, die Typen waren schon wieder da und stülpten mir wieder den Sack über den Kopf. Sie knurrten: „Unsere Absicht ist es, dir deine Kräfte zu stehlen und damit reich zu werden und nicht das du uns wegläufst“ Jetzt war ich richtig sauer. Ich trat und schlug um mich, doch sie waren einfach zu stark für mich. Es musste ein Plan her, und zwar schnell.

Daher sagte ich: „Hey Alter, was soll das, wieso ausgerechnet ich? Ich will das nicht!“ Da lachten die Männer und der eine sagte:“ Uns ist es total egal, was du willst und was nicht. Uns interessiert nur, was WIR wollen.“ Solche Menschen gibt es also auch, dachte ich. Ich hätte nie gedacht, dass Menschen so schrecklich sind. Aber genug davon. Die Männer hatten mich gefesselt und mit Ahornblättern bedeckt und in den Kofferraum gesperrt. Ich musste handeln! Die Wut gab mir Kraft. Ich befreite mich von den Ahornblättern und brannte leise mit meinen Feuerkräften die Fesseln durch. Jetzt musste ich nur noch die beiden Männer besiegen und durch eine Erdrutsche nach Hause rutschen. „Hey Alter,“ sagte ich und drosch den beiden Männern je mit einer Efeufaust ins Gesicht. Beide kippten bewusstlos um. Aber der Wagen fuhr einfach weiter. Oh Gott! Wie sollte ich jetzt den Wagen stoppen? Also rüttelte ich den einen Mann und sagte: “Hey Alter!“, weil ihn das ja so aufgeregt hatte. Der Mann schreckte hoch, stieß sich den Kopf an der Decke und fiel wieder um. „Na toll“, sagte ich. Da half wohl nur ausprobieren. Also drückte ich ein Pedal so fest ich konnte. Da sauste der Wagen los. In Windeseile drückte ich das andere Pedal. Da bremste der Wagen so abrupt, dass ich nach vorne flog. Als der Wagen endlich angehalten hatte, stieg ich aus. Endlich frei. Ich rutschte über eine Erdrutsche nach Hause. Erst landete ich wieder vor dem Haus, doch dann schaffte ich es nach Hause.

Zuhause angekommen fand ich meine Eltern verzweifelt weinend am Esstisch und mein Bruder saß bedrückt daneben. Als sie mich sahen, fielen sie mir freudestrahlend um den Hals. „Lilo, wir haben uns ja solche Sorgen gemacht!“ Plötzlich sagte mein Bruder:“ Lilo, ich muss dir etwas sagen. Ich habe dich mit einem Zauber belegt, der dich immer „Hey Alter“ sagen lässt. Ich wusste, dass du es eigentlich gar nicht so schlimm findest und ich wollte mich an dir rächen, weil du mein Spielzeugauto kaputt gemacht hast.“ „Kevin Swimmer!“ schrie ich und stürmte ihm wutentbrannt hinterher. Doch mein Bruder war schon weg geflitzt.

Aimée Hoensbroech (5.8)