Bernd Alois Zimmermann begegnet Karlheinz Stockhausen – und der Klasse 8.9
25/03/2026
Wer hätte gedacht, dass der Rhein-Erft-Kreis in gewisser Weise die Wiege der sogenannten „Neuen Musik“ gewesen ist?
Tatsächlich stammen gleich zwei weltberühmte Komponisten, die die Musik des 20. Jahrhunderts entscheidend beeinflusst haben, aus der Region:
Im kleinen Dorf Bliesheim kam 1918 Bernd Alois Zimmermann zur Welt, der als Schöpfer der epochalen Oper Die Soldaten, der grotesken Musique pour les soupers du Roi Ubu und des erschütternden Requiems für einen jungen Dichter Musikgeschichte schrieb; und zehn Jahre später, 1928, wurde im Haus Mödrath Karlheinz Stockhausen geboren, der im Studio für elektronische Musik des Westdeutschen Rundfunks seinen bahnbrechenden Gesang der Jünglinge realisierte und spektakuläre Werke wie Gruppen für 3 Orchester oder gar ein Helikopter-Streichquartett schuf.
In einem groß angelegten Musikprojekt haben sich die Schülerinnen und Schüler der Klasse 8.9 auf die Spuren dieser großen Musiker begeben: Staunend konnten sie entdecken, wie die beiden seit den 1950er-Jahren in der Musikmetropole Köln zu neuen Ufern aufbrachen, bis dahin wahrhaft Unerhörtes erfanden und geradezu experimentell erforschten: elektronische Kompositionen, räumlich bewegte Klänge, musikalische Collagen und vieles andere mehr. „In Erinnerung bleiben mir beim Zurückdenken an das Projekt vor allem die ersten Reaktionen aller in der Klasse auf diese experimentelle Art der Musik, die wir als Generation, die bereits mit den Ergebnissen dieser Entwicklung aufgewachsen ist, zum ersten Mal hörten“, berichtet Erik Traudt. Das bestätigt auch Fine Sandmann: „Am Anfang waren wir ehrlich gesagt etwas überrascht. Diese Musik klingt nämlich ziemlich anders als das, was man sonst so hört. Manche Stücke haben uns erst einmal verwirrt – aber genau das hat sie auch spannend gemacht.“
Höhe- und Endpunkt des Musikprojekts waren der Besuch und die Mitgestaltung eines Konzerts, das die in Erftstadt ansässige Bernd-Alois-Zimmermann-Gesellschaft (BAZG) am 20. März 2026 (übrigens dem 108. Geburtstag Bernd Alois Zimmermanns) im Anneliese Geske Musik- und Kulturhaus in Erftstadt-Liblar veranstaltete.
Dort stellten die Geigerin Anna Neubert und der Pianist Paulo Álvares hochkomplizierte Solo- und Kammermusikwerke aus unterschiedlichen Schaffensphasen der beiden Komponisten einander gegenüber: Zimmermanns Konfigurationen für Klavier und Stockhausens Klavierstück IX sowie Stockhausens Sonatine für Violine und Klavier und Zimmermanns Sonate für Violine und Klavier. Dazwischen erklangen zwei elektronische Raumkompositionen, die beide 1970 auf der Weltausstellung in Osaka in einem speziell gebauten Konzertsaal, dem Kugelauditorium, gespielt worden waren: Stockhausens Telemusik und Zimmermanns Tratto II.
Umrahmt, begleitet und unterstützt wurde dieses höchst anspruchsvolle Konzertprogramm von verschiedenen Präsentationen, die die Schülerinnen und Schüler der Klasse 8.9 im Zuge ihrer Projektarbeit vorbereitet und erstellt hatten: Im Foyer des Konzerthauses konnten sich die Besucherinnen und Besucher der Veranstaltung an vier großformatigen Informationstafeln über Leben und Werk der beiden Komponisten informieren, die Jasmin Jakubowska, Lilly Ruegenberg, Julia Mätzschker, Mina Reuter und Franziska Schmitz (Zimmermann) bzw. Anton-Gabor Kys, Phil Neunhöffer, Daniel Ogini, Erik Traudt und Gergö Urbanovics (Stockhausen) erstellt hatten. Für das achtseitige Programmheft hatten Mats Hülkenberg, Christvel Samou Nana, Felix Rostek sowie Mats Schütte ebenso prägnante wie informative Einführungstexte zu den sechs Musikwerken des Konzertabends verfasst.
Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einem Videobeitrag, in dem Sina Durakowski, Johanna Jaschke, Mathilda Restemeyer, Olivia Schmidt und Millie Zeiske die Geigerin Anna Neubert und den Pianisten Paulo Álvares zu ihrem musikalischen Werdegang, ihrer Begeisterung für die Musik Stockhausens und Zimmermanns sowie den besonderen Herausforderungen beim Einstudieren des hochvirtuosen Konzertprogramms befragen und dies mit kurzen Probemitschnitten illustrieren. Charlotte Küppers, Rafael Petri, Fine Sandmann, Josephin Wahba und Elias Wiertz schließlich haben die Moderationen des Konzerts vorbereitet und durchgeführt: So übernahmen Fine und Rafael die charmante Begrüßung des Publikums sowie die Vorstellung des Musikprojekts; Josephin Wahba und Elias Wiertz hingegen gestalteten im Zentrum der Veranstaltung einen ganz besonderen Moment:
die erstmalige Begegnung der beiden Komponistenkinder Bettina Zimmermann und Markus Stockhausen.
Mit klugen und einfühlsamen Fragen entlockten Josephin und Elias ihren Gesprächspartnern im Rahmen eines zwanzigminütigen Podiumsgesprächs spannende und berührende Einblicke in schöne und schwierige Momente und Lebensphasen ihrer eigenwilligen Väter. Am Ende des Konzerts bedankte sich das Publikum bei der Geigerin und dem Pianisten, den Komponistenkindern sowie den Schülerinnen und Schülern der Klasse 8.9 mit enthusiastischem Applaus für zwei hochinteressante Stunden, die in der abwechslungsreichen Verbindung von Musik, Texten und Bildern, Video und Gesprächen in jeder Sekunde intensiv und fesselnd waren.
Intensiv war freilich auch die Projektarbeit der vorausgegangenen Wochen gewesen: Die Erstellung der Medienprodukte und die Vorbereitung der Live-Moderationen für eine professionelle öffentliche Veranstaltung haben die Schülerinnen und Schüler der 8.9 vor Herausforderungen gestellt, die über den normalen schulischen Rahmen weit hinausgingen. In kürzester Zeit mussten aus vielfältigen Quellen komplexe Sachinformationen über das Leben und Werk der beiden eigenwilligen Komponisten erschlossen werden. So erinnert sich Erik Traudt: „Bei der Erarbeitung fiel uns – und auch mir selbst – eines besonders schwer: das Sortieren der Quellen in das Notwendige und das Überflüssige.“
→ Dialoge-Monologe-Programmheft
Strenge professionelle Vorgaben bezüglich der Medienformate, Drucklegungstermine sowie des Zeitrahmens der Live-Beiträge erforderten darüber hinaus von allen Beteiligten disziplinierte Planung und sorgfältige Erarbeitung. Umso schöner war vor diesem Hintergrund die Erfahrung, dass das Projekt letztlich gelungen ist:
„Es war zwar viel Arbeit und Aufwand“, meint Sina Durakowski, „aber trotz allem hat es immer Spaß gemacht, mit den ganzen Herausforderungen umzugehen.“ Und was bleibt und letztlich zählt, ist die Gewissheit, gemeinsam etwas ganz Besonderes erlebt und aktiv mitgestaltet zu haben. Olivia Schmidt unterstreicht:
„Es war sehr schön, alles am Ende zusammenkommen zu sehen. Es war eine einzigartige Erfahrung, an der alle hart gearbeitet haben.“
Danke dafür, liebe Klasse 8.9!
→ Rezension von Hanna Styrie im KSTA
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