Hospitation im Rahmen des Erasmus+-Programms: Einblicke in die tschechische Oberstufe an der SPŠ Stavební in Havířov
10/06/2026
Um den Unterricht in der tschechischen Oberstufe kennenzulernen, durfte ich an der SPŠ Stavební in Havírov hospitieren. Im Gegensatz zum deutschen Gymnasium ist die SPŠ Stavební keine allgemeinbildende Schule, sondern eine technische Schule mit dem Schwerpunkt Bauingenieurswesen – an der aber natürlich auch Fächer wie Tschechisch, Englisch, Mathematik oder Sport unterrichtet werden. Nach der elementary school, die in Tschechien nach der 9. Klasse endet, können die Schüler:innen ihre Schullaufbahn hier für vier weitere Jahre fortsetzen, bevor sie die Schule mit der „Maturita“ abschließen. Englischlehrerin Lenka Čadková, die ich an diesem Tag begleiten durfte, erklärte mir: „Wenn unsere Schüler die Schule verlassen, sollen sie in der Lage sein, ein Haus zu konstruieren, zu designen, bauen (zu lassen) und einzurichten“. Dementsprechend gibt es auch Fächer wie „Civil Engineering“ oder Architektur – hochanspruchsvoll, aber auch sehr spannend! Diese Spezialisierung, die ab dem dritten Jahr auf der Schule erfolgt, verspricht den Schülern in der weiteren Berufsausbildung z.B. an der Universität Vorteile im Vergleich zu den Studenten desselben Studiengangs, die eine allgemeinbildende Schule besucht haben. Normalerweise werden diese Fächer auf Tschechisch unterrichtet, aber derzeit verfügt die Schule über besondere Unterstützung: Über das Fulbright-Programm konnte die US-amerikanische Mathematikstudentin Jocelyn Marie Bunster an die Schule geholt werden, um für 10 Monate als Native Speaker den Englischunterricht zu unterstützen. Mit ihrer Unterstützung können daher auch manche dieser speziellen Unterrichtsfächer teilweise auf Englisch angeboten werden.
Lenka und Jocelyn haben mich sehr herzlich empfangen und mir einen sehr interessante Zeit mit sehr, sehr vielen neuen Eindrücken ermöglicht – zwischen der Schulatmosphäre an einer deutlich kleineren Schule als dem Europagymnasium (die SPŠ Stavební hat nur ca. 300 Schüler!) und dem Present Perfect wurden auch Fragen geklärt wie „Are there really no vegetables in Czech food?“ (Spoiler: doch, aber dazu später mehr) oder „Do pineapples belong on pizza?“ geklärt. Ich durfte an einigen Tandemstunden teilnehmen, die von einer tschechischen Lehrkraft und Jocelyn Bunster gemeinsam geleitet wurden und in denen es vor allem um conversation skills ging. Dabei wurde auch deutlich, dass die Unterrichtsinhalte an die Schulform angepasst sind – statt um „postcolonialism“ wie beispielsweise in unseren Englischkursen in der Oberstufe geht es eher um technische oder auch wirtschaftliche Aspekte: Ich durfte die Endprodukte eines Projekts bewundern, in dem jeder Schüler ein Produkt erfindet, das der Gesellschaft in irgendeiner Weise dienlich ist, dieses Produkt designt und vermarktet. Im Kurs wurde dann neben den sprachlichen Aspekten und der Präsentationsform auch der gesellschaftliche Nutzen bewertet: die „Smart Socks“, die per App automatisch ihre Partnersocke finden, bevor diese auf Nimmerwiedersehen in der Waschmaschine verschwinden kann, oder das „Eyebrow Shampoo“ – das Pflegeprodukt für schwere Augenbrauen-Fälle wie Bert aus der Sesamstraße – waren der Renner im Kurs. In einem anderen Kurs konnten die Schüler mit Hilfe von (nonsense) „Hot Takes“ – also kontroversen Meinungen, die vom Rest der Gesellschaft meistens nicht geteilt werden – das Argumentieren üben. Für die Meinung, dass Ananas definitiv auf eine Pizza gehört, fand sich übrigens keine Mehrheit.
Den Unterrichtsalltag an einer tschechischen Schule zu beobachten, die dazu noch einen ganz anderen Schwerpunkt hat als das Europagymnasium, fand ich sehr spannend, und ich konnte einige Anregungen mitnehmen. Es gibt viele Unterschiede, wie beispielsweise die Klassengröße oder das Prinzip des individuellen Lehrerpausenraums anstatt eines großen Lehrerzimmers, aber einiges ist länderübergreifend gleich – der Kampf mit der Technik zum Beispiel oder das Mittagessen in der Mensa, das alles in allem unserem sehr ähnlich ist. Dabei konnte ich Jocelyns Behauptung, dass tschechisches Mittagessen zwar jede Menge Beilagen, Fleisch und Sauce enthält, aber kein Gemüse, eindeutig widerlegen: es gab Möhren.
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