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Wie lebt man – mitten im Krieg?

05/03/2026

Reporter und Autor Stephan Orth hält einen Vortrag über seine Erlebnisse als „Couchsurfer“ in der Ukraine

Am 24. Februar jährte sich zum vierten Mal der Tag des Angriffs von Russland auf die Ukraine. Damals begann ein Krieg, der bis heute unvermindert heftig weitergeführt wird und der sich mittlerweile immer stärker gegen die Zivilbevölkerung richtet.

Aus diesem Anlass hatte die Fachschaft Russisch alle 10. Klassen und alle Schüler:innen, die am Europagymnasium Russisch lernen, zur dem Multimediavortrag „Couchsurfing in der Ukraine“ des Journalisten und Autors Stephan Orth in die Aula eingeladen.

Der hatte, kurz nachdem Russland vor vier Jahren die Ukraine brutal angegriffen hatte, die Idee, die vom Krieg erschütterte Ukraine zu bereisen, und zwar nicht als gewöhnlicher Tourist, sondern als Gast bei Ukrainer:innen, die trotz des Ausnahmezustands in ihrem Land dazu bereit waren, ihm die eigene Couch anzubieten und ihm ihre Heimat zu zeigen. Was ihm zunächst wie ein evtl. vermessenes Ansinnen vorkam („Wie? Darf ich denn Menschen im Krieg noch als Gastgeber anfragen?“), erwies sich als ideale Möglichkeit, ein Land, das unter großen Opfern und mit viel Mut um sein Überleben kämpft, kennenzulernen.

Ausgehend von der Hauptstadt Kiev reiste Orth so insgesamt acht Monate in die verschiedensten Regionen der Ukraine und begegnete ganz unterschiedlichen Menschen. Aus nächster Nähe und zum Teil am eigenen Leibe erfuhr er, was es bedeutet, unter Kriegsbedingungen zu leben – unter Dauerbeschuss russischer Raketen, bei ständigem Luftalarm, in teils schwer zerstörten Stadtteilen.

An den einzelnen Gastgeber:innen, deren Gastfreundschaft ungeachtet der erschwerten Bedingungen überwältigend war, wurde deutlich, welchen Belastungen und Verlusten sie persönlich ausgesetzt sind: Da ist der Vater von Julia, der als Soldat an der Front dient, und dessen Anruf man jeden Abend ängstlich herbeisehnt; da ist der Immobilienmakler und -besitzer Sergej, der mittlerweile alle seine Objekte an die Russen verloren hat und kürzlich auch seine letzte eigene Wohnung verlassen musste, weil die Front immer näher rückt; da ist die Englischlehrerin, die nachts verstört aufwacht, wenn es einmal still ist, weil sie diesen Zustand seit Jahren nicht mehr kennt.

Bei allem Leid, allem Verlust – so zeigte Stephan Orth an vielen Beispielen – gab und gibt es aber auch immer wieder Mut machende Ereignisse und Begegnungen: In der Metro malen die Kinder, die dorthin mit ihren Familien vor den Luftangriffen geflohen sind, poetische große Porträts von allen Helfer:innen und Retter:innen in der Not; Menschen bilden Hilfsorganisationen und packen beim Aufräumen in den Schutthalden und beim Neuaufbau mit an; Liebespaare vergessen für einige Stunden alle Schrecken der Gegenwart bei einem romantischen Fotoshooting.

Ein besonderes Augenmerk widmete Stephan Orth in seinem Vortrag der Rolle Russlands, das er selbst ausgiebig vor dem Beginn des Krieges bereist hat. Hier zeigte er einerseits anhand persönlicher Begegnungen die beklemmende Wirkung antiwestlicher russischer Propaganda in den Köpfen der Russinnen und Russen, die er getroffen hat, auf; andererseits wurde durch Beispiele aus den russischen Medien die Verrohung des politischen Diskurses auf höchster Ebene deutlich.

In der anschließenden Fragerunde blieb eine Frage besonders haften: Was können wir persönlich und unser Land für die Ukraine tun? fragte eine Schülerein. Stephan Orths Antwort war eindeutig: Die Ukraine braucht unsere Unterstützung und sie darf nicht nachlassen! Und an jede/n einzelnen gerichtet war er sicher: Jede noch so kleine Hilfsaktion ist kostbar! Und es kann auch schon sehr wertvoll sein, die aus der Ukraine geflüchteten Mitschüler:innen einmal anzusprechen und zu fragen, wie es ihnen geht.

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