Teil 6: Ob der Gemeinwille irren kann
01/10/2026
Die folgende Analyse thematisiert die Fragen: „Was kennzeichnet den „Gemeinwillen“ im Gegensatz zur Summe der Einzelwillen (= „Gesamtwille“)?
Unter welchen Umständen zeigt sich der Gemeinwille, unter welchen Umständen kann ein Volk „sich täuschen“?
Rousseau unterscheidet für die Beschreibung der Meinungen eines Volkes zwei Begriffe.
Der Gesamtwille (Volonté de tous) bildet die Summe aller individuellen Bestrebungen der Gemeinwille (Volenté générale) beschreibt den Durchschnitt des Gesamtwillens.[1]
Dabei geht Rousseau davon aus, dass der Gemeinwille eines Volkes, welches bezüglich des zu entscheidenden Sachverhaltes umfangreich wissend ist, in sich richtig und wohlwollend für das Volk ist. [2]
Der Wille des Volkes kann aber schlecht werden, wenn er irregeführt wird. Dies passiert durch die Gruppenbildung.[3]
Wenn jeder für sich eine Meinung bildet, bildet der Gesamtwille eine große Menge an sich minimal unterscheidenden Meinungen, wodurch jeder einen Teil seiner Meinung im Gemeinwillen wiederfindet. [4]
Bilden sich Gruppen, in denen jedes Mitglied die Meinung seiner Gruppe annimmt, bildet der Gesamtwille weniger, aber dafür unterschiedlichere Meinungen. [5]
Wird eine Gruppe so stark, dass sie die anderen im Durchschnitt überstimmt, wodurch der sich aus der Mehrheit bildende Wille nicht mehr das ganze Volk repräsentiert, würde dieser Wille nicht mehr dem guten Gemeinwillen entsprechen. [6]
Deshalb spricht sich Rousseau gegen das Bilden von Gruppen aus. Wenn das Gruppenbilden unvermeidbar ist, sollen Gruppen immer nur eine Vielzahl an Kleingruppen sein. [7]
Ein modernes Beipspiel für die Gruppenbildung bieten politische Parteien. Im Falle Deutschlands bestehen die gesetzgebenden Organe zumeist aus 5-7 Parteien, die verschiedene, oft stark voneinander abweichende politische Ansichten vertreten. Dabei hat das Volk somit bei Wahlen, also dem Ausdruck seiner politischen Meinung durch das Fördern einer Partei, begrenzte Auswahlmöglichkeiten. Dadurch sehen sich dann viele gezwungen, eine Partei zu wählen, mit der sie sich nur schwach identifizieren können, da ihre eigene Meinung von keiner Partei vertreten wird. Gleichzeitig bilden sich innerhalb der Parteien Gruppen, die aus Parteimitgliedern bestehen. Hier ist der Effekt der Gruppenbildung noch stärker zu beobachten, da Parteimitglieder als Vertreter ihrer Gruppe auch die Meinung der Gruppe und nicht mehr ihre völlig eigene vertreten. Die in Wahlen am besten abscheidenden Parteien können meistens die Regierung bilden und überstimmen so darüber hinaus noch die kleineren Parteien.
Das Extrembeispiel bildet die USA, welche nur zwei Parteien, die Demokraten und die Republikaner bietet, von der eine siegreich hervorgeht und für den gesamten Staat Entscheidungen trifft, während die andere machtlos bleibt, obwohl sie meist über 35% der Bevölkerung repräsentiert. Neuen Meinungen wird kein Raum gelassen.
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Jean-Jacques Rousseau
Bild: Shafia
Textnachweise:
[1] Denk Art Philosophie, Westermann Verlag, 2019, S.268, Z.10-17: „Es gibt oft einen beträchtlichen Unterschied zwischen dem Gesamtwillen und dem Gemeinwillen; dieser sieht nur auf das Gemeininteresse, jener auf das Privatinteresse und ist nichts anderes als die Summe von Sonderwillen: aber nimm von ebendiesen das Mehr und Weniger weg, das sich gegenseitig aufhebt, so bleibt als Summe der Unterschiede der Gemeinwille.
[2] Denk Art Philosophie, Westermann Verlag, 2019, S.268, Z.1-3: „…, dass der Gemeinwille immer auf dem rechten Weg ist und auf das öffentliche Wohl abzieht.“
[3] Denk Art Philosophie, Westermann Verla, 2019, S.268, Z.7-9: „Verdorben wird das Volk niemals, aber oft wird es irregeführt, und nur dann scheint es das Schlechte zu wollen.“
[4] Denk Art Philosophie, Westermann Verlag, 2019, Z.18-21: „Wenn die Bürger keinerlei Verbindungen untereinander hätten, würde, wenn das Volk wohlunterrichtet entscheidet, aus der großen Zahl der kleinen Unterschiede immer der Gemeinwille hevorgehen, und die Entscheidung wäre immer gut.“
[5] Denk Art Philosophie, Westermann Verlag, 2019, Z.22-25: „Aber wenn Parteiungen entstehen, Teilvereinigungen auf Kosten der großen, wird der Wille jeder dieser Vereinigungen hinsichtlich seiner Glieder und ein besonderer hinsichtliich des Staates; man kann dann sagen, dass es nicht mehr so viele Stimmen gibt wie Menschen, sondern nur noch so viele wie Vereinigungen. Die Unterschiede werden weniger zahlreich und bringen ein weniger allgemeines Ergebnis.“
[6] Denk Art Philosophie, Westermann Verlag, 2019, Z.26-29: „Wenn schließlich einer dieser Vereinigungen so groß ist, dass sie stärker ist als alle anderen, erhält ma als Ergebnis nicht mehr die Stimme der kleinen Unterschiede, sondern einen einzigen Unterschied; jetzt gibt es keinen Gemeinwillen mehr, und die Ansicht, die siegt, ist nur noch eine Sonderanschauung.“
[7] Denk Art Philosophie, Westermann Verlag, 2019, Z.30-33„Um wirklich die Aussage des Gemeinwillens zu bekommen, ist es deshalb wichtig, dass es im Staat keine Teilgesellschaften gibt und dass jeder Bürger nur seine Stimme vertritt.[…] Wenn es aber Teilgesellschaften gibt, ist es wichtig, ihre zahl zu vervielfachen um Ungleichheit vorzubeugen.“